Reformation in Rheinland-Pfalz

Reformation in Rheinland-Pfalz

Wir schreiben den 16. April des Jahres 1521. Die Stadt Worms ist in Aufruhr: Martin Luther ist in der Stadt angekommen. Der bereits als Häretiker verurteilte und mit dem Kirchenbann belegte Theologe und Augustiner-Eremit ist zur Anhörung auf den Reichstag zu Worms geladen, um sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. Doch es kommt anders: anstatt seine 95 Thesen, mit denen er die Misstände innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche anprangert, zu widerrufen, antwortet er:

„… denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Mit diesen wohlbekannten Äußerungen Luthers auf dem Wormser Reichstag und der daraufhin über ihn verhängten Reichsacht gewann die reformatorische Bewegung an Beachtung und Bedeutung. Wenige Jahre später 1526 fand der nächste Reichstag statt, diesmal in Speyer. Hier stand der Bauernkrieg und die Reaktion darauf im Vordergrund, die Religionsfrage sollte auf einem dafür zuständigen Konzil erörtert werden. Mit derselben Argumentation sollte 1529, ebenfalls in Speyer, die Religionsfrage erneut vertagt werden. Diesmal kam es jedoch zu heftigen Reaktion: fünf Fürsten und 14 Reichsstände übergaben am 22. April schriftlich ihre 'Protestation' an Kaiser und Konzil - die Bezeichnung 'Protestanten' war geboren.

Bedeutung des rheinland-pfälzischen Raumes

Diese kurz umrissenen Ereignisse zeigen die Bedeutung heutiger rheinland-pfälzischer Städte in der ersten Phase der Reformation. Mit den drei großen Reichstagen der 1520er Jahre in Worms und Speyer wurden entscheidene Weichen gestellt, die den Fortgang der Reformation beeinflussen sollten. Doch es gab auch andere, weniger bekannte Schauplätze, die für die Verbreitung und die Etablierung der Reformation auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz von Bedeutung sind.

Die Reformationsgeschichte unseres Bundeslandes ist sehr facettenreich, was nicht zuletzt in den Eigenheiten in der Territorial- und Machtstruktur des 16. Jahrhunderts begründet liegt: ca. 1/6 des Gebiets des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation war zu Beginn des 16. Jh. geistliches Herrschaftsgebiet, im heutigen Rheinland-Pfalz lag dieser Anteil jedoch ungleich höher.Der Partikularismus war stark ausgeprägt. Da geistliche und weltliche Herrschaftsgebiete nur selten deckungsgleich waren, barg diese territoriale Situation ein ungeheures Konfliktpotential zwischen geistlichen und weltlichen Herrschern. Auch die Emanzipierung der Städte führte zu Konflikten mit den Landesherren. Mit den Erzbischöfen von Mainz und Trier hatten zwei der drei geistlichen Kurfürsten ihre territoriale Macht auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, was die Ereignisse in unserem Bundesland mit einer Bedeutung für das ganze Reich auflud.

Die hohe Dichte geistlicher Territorien war entscheidend für den Fortgang der Reformation im heutigen RLP. Bei der Einführung der Reformation in einem Herrschaftsgebiet ging es nicht nur um die ideelle Frage nach der richtigen Konfession – vielmehr ging es oft um handfeste geo- und reichspolitische Interessen, um die Positionierung innerhalb des Fürstenstabes im Reich sowie um schlichte Bereicherung. Gerade für die Einführung der Reformation in einem geistlichen Herrschaftsbereich (Diözese) ist dies zu bedenken, stellten geistliche Fürsten doch nicht grundlos der Reformation großen Widerstand entgegen: der Verlust von bischöflicher Jurisdiktion und bischöflichem Vermögen bedeutete einen klaren Machtverlust. Weltliche Herrscher konnten mit der Hinwendung ihres Territoriums zum Protestantismus jedoch einen Machtgewinnt erwarten. 

Herausgeber: Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.

Projektleitung: Dr. Elmar Rettinger

Red. Bearb.: Katharina Üçgül