Reformation in Rheinland-Pfalz

Luther auf dem Wormser Reichstag

Luther vor Karl V. auf dem Reichstag zu Worms 1521. Wandgemälde (um 1880) von Hermann Wislicenus (1825-1899) in der Kaiserpfalz Goslar.
Der Reichstag zu Worms [Gemälde von Hermann Wisclicenus, um 1880]

Neben Eisleben, Wittenberg oder Mansfeld gilt Worms als eine der bekanntesten Wirkungsstätten Martin Luthers, obwohl er kaum Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Insgesamt hat sich der Reformator nur zehn Tage in Worms aufgehalten, als er seine Lehren im Jahr 1521 vor Kaiser und Reich verteidigte. Von den Gebäuden, in denen sich die Ereignisse abspielten, hat sich infolge der Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688-1697) keines erhalten. An die Bedeutung der Stadt als Schauplatz der Reformationszeit erinnern heute vor allem das Lutherdenkmal von Rietschel und einige kleinere, mit mehr oder weniger glaubhaften Anekdoten verbundene, Orte wie der Pfiffligheimer Lutherbaum.

Auf dem Wormser Reichstag von 1521 kam es zu dem berühmten Zusammentreffen Luthers mit Kaiser Karl V. (1500-1558). Die Ideen des Wittenberger Theologieprofessors hielten die deutsche Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren in Atem. Im Jahr 1517 hatte er seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel verfasst und seitdem eine Reihe von kirchenkritischen Schriften verfasst, die sich dank der neuen Technik des Buchdrucks schnell im Reich verbreiteten. Nachdem Luther im Dezember 1520 eine Bannandrohung der römischen Kurie vor dem Wittenberger Elstertor verbrannt hatte, verhängte Papst Leo X. (1475-1521) schließlich im Januar 1521 offiziell den Kirchenbann über ihn. Doch damit die weltlichen Autoritäten gegen den Reformator vorgehen und seine Schriften verbieten konnten, musste auch der Kaiser die Reichsacht aussprechen. Dass Luther überhaupt zu einer Anhörung nach Worms geladen wurde, hatte er der Fürsprache seines Landesfürsten Friedrich dem Weisen (1463-1525) zu verdanken.

Luthers Einzug in Worms [Stahlstich nach Konrad Weigand, 1881]

Der kleine Geleitzug, der am 16. April 1521 in der Reichsstadt eintraf, bestand aus Luther selbst, drei Wittenberger Begleitern und einem Reichsherold, der für die Sicherheit der Reisegesellschaft gesorgt hatte. Unter den neugierigen Blicken und aufmunternden Zurufen der Wormser wurden sie in ihr Quartier gebracht. Da Luther als Exkommunizierter nicht bei seinen Mitbrüdern im Augustinerkloster wohnen konnte, wurde ihm ein Zimmer im Johanniterhof zugeteilt, wo die Teilnehmer der kursächsischen Delegation logierten. Heute erinnert eine Plakette in der Hardtgasse an dieses 1689 von den Franzosen niedergebrannte Gebäude.

Am nächsten Tag wurde Luther zu einer ersten Vorladung in den Bischofshof geholt. Dieser Gebäudekomplex befand sich an der Stelle des heutigen Heylshofs an der Nordseite des Doms und ist wie der Johanniterhof den Verheerungen des Pfälzischen Erbfolgekriegs zum Opfer gefallen. Der Besucher kann heute nur noch dank der im Boden versenkten Steintafeln erkennen, wo sich die Räumlichkeiten des Verhörs befanden. Die eigentlichen Reichstagsverhandlungen wurden übrigens im ebenfalls später zerstörten Bürgerhof geführt, der sich im Bereich der heutigen Dreifaltigkeitskirche und der Münze befand. Die Tatsache, dass der heikle Tagesordnungspunkt "Luther" abseits der großen Bühne verhandelt wurde, spricht dafür, dass man ihn mit möglichst wenig Aufsehen abtun wollte.

Karl V. (1500-1558). [Gemälde von Bernard von Orley, um 1491.]

Der junge Karl V., der in den habsburgischen Niederlanden aufgewachsen war und kaum Deutsch sprach, war erst im Jahr zuvor im Aachener Dom gekrönt worden. Das Verfahren gegen Luther war nur eine von vielen Angelegenheiten, die er in Worms abzuhandeln hatte. Als der Reformator am 17. April vor ihm stand und gefragt wurde, ob er bereit sei, seine Schriften ganz oder teilweise zu widerrufen, bat sich Luther Bedenkzeit aus, die der Kaiser gewährte. Erst am nächsten Tag antwortete er auf die selbe Frage mit einer Verteidigungsrede. Er bekannte sich zu seinen Schriften und erklärte sich bereit, sofort zu widerrufen - vorausgesetzt, dass man ihn mit Argumenten aus der Heiligen Schrift widerlege. Man teilte Luther daraufhin mit, dass dies nicht die Aufgabe eines Reichstags sei und dass der Papst das theologische Urteil über die strittigen Schriften bereits in seiner Bannbulle gefällt habe. Trotz mehrfacher Aufforderung verweigerte Luther den Widerruf aber bis zuletzt. Die berühmten Worte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" hat er wohl nicht gesprochen - sie fassen den Geist seiner Rede aber durchaus gut zusammen.

"Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen."

Der Kaiser brach die Verhandlungen mit dem Mönch daraufhin ab. Luther wurde unter einer Mischung aus Jubel und Anfeindungen wieder in sein Quartier gebracht. Auch hartnäckige Nachverhandlungen seitens verschiedener Reichstagsdelegationen konnten ihn in den nächsten Tagen nicht umstimmen. Karl V. ließ schon am 19. April eine schriftliche Erklärung verbreiten, in der er Luther zwar freies Geleit für seine Rückreise zusagte, zugleich aber ankündigte, ihn mit der Reichsacht belegen zu wollen, die erst Wochen später durch das Wormser Edikt wirksam wurde. Am 26. April reiste Luther auf Befehl des Kaisers aus Worms ab. Er verließ die Stadt übrigens ganz legal auf dem gleichen Wege, wie er sie betreten hatte - nämlich durch das Mainzer Tor und die Martinspforte, und nicht etwa, wie eine spätere Legende besagt, klammheimlich durch das Fischerpförtchen, das im Wormser Volksmund auch Lutherpförtchen genannt wird.

Nachweise

Verfasserin: Sarah Schrade
Verwendete Literatur:

  • Busso Diekamp: Auf Martin Luthers Spuren in Worms. In: Werner Zager (Hrsg.): Martin Luther und die Freiheit. Darmstadt 2010. S. 163-262.
  • Frank Konersmann: Kirchenregiment, reformatorische Bewegung und Konfessionsbildung in der Bischofs- und Reichsstadt Worms (1480-1619). In: Gerold Bönnen (Hrsg.): Geschichte der Stadt Worms. Stuttgart 2005.
  • Otto Kammer, Fritz Reuter, Ulrich Oelschläger: Auf den Spuren Luthers und der Reformation in Worms. Herausgegeben vom Evangelischen Dekanat Worms-Wonnegau und der Stadt Worms. 5. Auflage. Worms 2012.
  • Werner Zager: Verwirklichte Freiheit: Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms. In: Ders. (Hrsg.): Martin Luther und die Freiheit. Darmstadt 2010. S. 9-23.

Erstellt am: 26.03.2013